Mit dem Elektroauto durch Norwegen: Fortschritt funktioniert, wenn Politik ihn möglich macht

Zwei Wochen Norwegen, vier Personen, ein privates Elektroauto und mehrere tausend Kilometer Strecke. Meine Reise hat gezeigt: Elektromobilität funktioniert. Nicht nur im Alltag, sondern auch im Urlaub, auf langen Strecken und in anspruchsvoller Landschaft. Entscheidend ist aber nicht allein das Auto. Entscheidend ist, ob Politik, Infrastruktur und Alltag zusammenpassen.

Als wir unser Auto für den Urlaub packten, kam mein Nachbar heraus. Auch er fuhr gerade los in den Urlaub. „Wohin geht es?“, fragte er. „Nach Norwegen, mit dem Elektroauto“, antwortete ich. Seine Reaktion war typisch für viele Gespräche, die man in Deutschland über Elektromobilität führt: „Funktioniert das bei den Distanzen überhaupt?“

Nach zwei Wochen Norwegen-Reise lässt sich sagen: Ja. Ziemlich gut sogar.

Wir waren zu viert unterwegs: ein befreundetes Paar, meine Verlobte und ich. Von NRW aus ging es mit der Fähre von Kiel nach Oslo, von dort weiter bis nach Ålesund, anschließend durch die Fjorde Richtung Stavanger und schließlich mit der Fähre nach Dänemark zurück nach Hause. Für den hohen Norden Norwegens war der Zeitraum von 14 Tagen zu knapp. Deshalb konzentrierten wir uns auf Mittel und Südnorwegen. Trotzdem kamen viele Kilometer zusammen. Lange Etappen, Stadtverkehr, Fjordstraßen, Wanderparkplätze, Supermärkte, Tankstellen und Unterkünfte gehörten alle dazu.

Das Ergebnis war eindeutig: Das Laden war kein Problem.

Unser Auto hat eine Reichweite von gut 500 Kilometern und 800 Volt Technik. Damit lässt es sich in etwas mehr als 15 Minuten von etwa 10 auf 80 Prozent laden. Das klingt zunächst nach einer technischen Angabe, war im Alltag aber vor allem eines: unauffällig. Während jemand zur Toilette ging, sich die Beine vertrat oder einen Snack holte, wurde das Auto geladen. Gerade wenn man zu viert unterwegs ist, entstehen solche Pausen ohnehin. Im gesamten Urlaub gab es keinen Moment, in dem wir genervt herumstanden und dachten, dass wir jetzt wegen des Autos warten müssten.

Unser befreundetes Paar fährt selbst kein Elektroauto und war am Ende positiv überrascht. Ihr Satz bringt es gut auf den Punkt: „Das mit dem Laden stört ja wirklich überhaupt nicht.“

Auffällig war vor allem die Selbstverständlichkeit der Infrastruktur. In Oslo gab es Lademöglichkeiten in großer Zahl. An unserer Unterkunft standen Ladesäulen oder auch am Straßenrand. Schnelllader fanden wir an Tankstellen, an Supermärkten und entlang der Strecken. Selbst an Wanderparkplätzen gab es Ladepunkte. Elektromobilität wird dort nicht als Sonderfall behandelt. Sie ist Teil des normalen Alltags und der Zukunft. Wo Menschen ohnehin halten, einkaufen, wandern, parken oder Pause machen, kann häufig auch geladen werden.

Genau hier liegt der politische Punkt.

In Deutschland wird Elektromobilität oft so diskutiert, als gehe es nur um individuelle Kaufentscheidungen. Wer überzeugt ist, kauft ein Elektroauto. Wer nicht überzeugt ist, lässt es bleiben. Doch so einfach ist es nicht. Menschen entscheiden sich nicht im luftleeren Raum für oder gegen eine Technologie. Sie entscheiden sich innerhalb der Rahmenbedingungen, die Politik, Wirtschaft und Infrastruktur ihnen bieten.

Wenn es zu wenige Ladesäulen gibt, wenn die Nutzung kompliziert ist, wenn Menschen unsicher sind, ob sie unterwegs zuverlässig laden können, dann kaufen sie seltener ein Elektroauto. Das ist keine Technologiefeindlichkeit. Das ist rationales Verhalten. Wer viel Geld für ein Auto ausgibt, möchte wissen, ob es im Alltag funktioniert.

Norwegen zeigt, was passiert, wenn der Staat diesen Zusammenhang ernst nimmt. Dort wurde Elektromobilität über Jahre nicht nur moralisch beworben, sondern praktisch ermöglicht. Der Staat hat eine Richtung vorgegeben, Anreize gesetzt, Infrastruktur unterstützt und Verlässlichkeit geschaffen. Dadurch konnten private Anbieter, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger auf diese Richtung reagieren. Genau so entsteht Wandel: nicht durch bloße Appelle, sondern durch einen funktionierenden Rahmen und ein aktives Handeln des Staats.

Das heißt nicht, dass der Staat jedes Detail steuern muss. Im Gegenteil. Ein moderner Staat muss nicht überall selbst Betreiber sein. Aber er muss den Nährboden schaffen, auf dem Fortschritt wachsen kann. Er muss Planbarkeit ermöglichen. Er muss Hürden abbauen. Er muss Infrastruktur dort anstoßen, wo der Markt allein zu langsam ist oder wo private Investitionen erst dann kommen, wenn eine grundlegende Sicherheit besteht.

Das gilt besonders bei großen Umbrüchen. Neue Technologien setzen sich nicht nur deshalb durch, weil sie theoretisch besser sind. Sie setzen sich durch, wenn Menschen sie praktisch nutzen können. Bei der Elektromobilität bedeutet das: Ladepunkte in Städten, an Supermärkten, an Tankstellen, an Hotels, an Ausflugszielen, in Wohngebieten und entlang der Fernstrecken. Es bedeutet einfache Bezahlsysteme, verlässliche Informationen und einen Ausbau, der mit dem politischen Ziel Schritt hält.

Wer dagegen sagt, die beste Technologie werde sich schon von allein durchsetzen, macht es sich zu einfach. Eine Technologie kann sich nur dann durchsetzen, wenn sie auch eine faire Chance bekommt. Ohne Straßen hätte sich das Auto nicht verbreitet. Ohne Stromnetze hätte sich elektrische Beleuchtung nicht durchgesetzt. Ohne digitale Netze gäbe es keine moderne Internetwirtschaft. Infrastruktur ist immer auch eine politische Aufgabe.

Gerade deshalb ist politische Verlässlichkeit so wichtig. Wenn erst ein Ziel formuliert wird und anschließend wieder Zweifel gesät werden, entsteht Unsicherheit. Debatten über das Aus vom Verbrenner-Aus helfen dabei nicht. Sie signalisieren Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen, dass die Richtung vielleicht doch nicht gilt. Wer aber möchte, dass Menschen investieren, braucht Klarheit. Niemand kauft gern ein teures Fahrzeug, baut Ladepunkte oder entwickelt Geschäftsmodelle, wenn die Politik ständig den Eindruck erweckt, als könne morgen alles wieder anders sein.

Norwegen zeigt, wie stark klare Rahmenbedingungen wirken können. Dort ist der Verbrenner sichtbar zum Auslaufmodell geworden. Viele ältere Fahrzeuge werden noch gefahren, bis sie ersetzt werden. Einzelne Liebhaberfahrzeuge und Luxusautos fallen auf. Aber das normale Straßenbild hat sich verändert. Neue Autos fahren überwiegend elektrisch. Und das merkt man nicht nur an Statistiken, sondern im Alltag.

Wir saßen in einem Café in Oslo an einer Straße, mit schöner Aussicht auf die Stadt. Autos fuhren vorbei, aber es blieb ruhig. Man hörte, wenn überhaupt, die Abrollgeräusche der Reifen. Wenn dann ein Verbrenner vorbeikam, fiel er sofort auf. Lauter, unruhiger, mit Abgasgeruch. In diesem Moment versteht man sehr konkret, dass Elektromobilität nicht nur eine Klimafrage ist. Sie ist auch eine Frage von Lebensqualität in Städten und Gemeinden.

Für mich war diese Reise deshalb mehr als ein Urlaub. Sie war ein praktischer Realitätscheck. Viele Einwände, die in Deutschland immer wieder vorgebracht werden, wirkten nach diesen zwei Wochen wie das, was sie oft sind: Ausreden für fehlenden politischen Gestaltungswillen. Zu wenig Reichweite. Zu lange Ladezeiten. Zu unpraktisch für den Urlaub. Im Winter angeblich kaum nutzbar. Natürlich gibt es technische Grenzen und natürlich ist nicht jedes Fahrzeug für jedes Bedürfnis geeignet. Aber Norwegen zeigt, dass Elektromobilität auch in einem Land mit langen Strecken, Bergen, Fjorden und harten Wintern funktionieren kann. Wenn sie dort funktioniert, dann liegt das Problem in Deutschland nicht grundsätzlich an der Idee oder der Technologie. Es liegt an der Umsetzung.

Hier liegt auch der Anspruch der Liberalen Demokraten. Wir wollen Menschen nicht durch Symbolpolitik erziehen. Wir wollen ihnen ermöglichen, gute Entscheidungen zu treffen. Freiheit bedeutet nicht, dass der Staat sich aus allem heraushält und dann zusieht, wie Infrastruktur fehlt. Freiheit braucht Voraussetzungen. Wer möchte, dass Bürgerinnen und Bürger klimafreundlich, bezahlbar und komfortabel mobil sein können, muss dafür sorgen, dass diese Möglichkeit real besteht.

Mein sozialliberaler Blick auf Fortschritt ist der: Der Staat gibt eine klares Ziel vor, schafft faire und verlässliche Rahmenbedingungen und sorgt dafür, dass niemand ausgeschlossen wird. Danach können Unternehmen, Kommunen, Energieversorger, private Investoren und Bürgerinnen und Bürger handeln. Nicht bevormundend vom Staat, aber ein Konzept und ein Plan für die Mobilität der Zukunft ist der Schlüssel.

Deutschland kann hier viel lernen. Wir brauchen mehr Tempo beim Ausbau der Ladeinfrastruktur, besonders dort, wo Menschen im Alltag wirklich laden würden. Nicht nur an Autobahnen, sondern auch in Wohnquartieren, Innenstädten, Parkhäusern, Supermärkten, Betrieben, öffentlichen Einrichtungen und touristischen Zielen. Wir brauchen einfachere Regeln für den Aufbau von Ladepunkten. Wir brauchen verlässliche politische Ziele. Und wir brauchen eine Politik, die nicht bei jeder Gegenrede sofort unsicher wird.

Elektromobilität wird nicht dadurch attraktiv, dass man sie Menschen abstrakt erklärt. Sie wird attraktiv, wenn sie funktioniert. Wenn der Ladevorgang so selbstverständlich ist wie das Parken. Wenn der Urlaub nicht komplizierter wird. Wenn die Stadt leiser wird. Wenn die Betriebskosten nachvollziehbar sind. Wenn Menschen erleben, dass moderne Technik ihren Alltag erleichtert.

Die Reise durch Norwegen hat genau das gezeigt. Elektromobilität funktioniert auf langen Strecken, mit vier Personen, im Urlaub, im Alltag und in anspruchsvoller Landschaft. Aber sie funktioniert dort besonders gut, wo Politik ihre Aufgabe ernst nimmt: Richtung geben, Rahmenbedingungen schaffen, Infrastruktur ermöglichen und Verlässlichkeit herstellen.

Oder anders gesagt: Fortschritt entsteht nicht durch Abwarten. Fortschritt entsteht, wenn Politik ihn möglich macht.

Beitrag teilen
Florian Holtbrügger
Florian Holtbrügger

Florian Holtbrügger ist gelernter Kaufmann für Versicherungen und Finanzen und wohnt in Ratingen. Als gebürtiger Duisburger ist er mit dem Ruhrgebiet eng verbunden. Besonderes Interesse hat er an den Themen Bildung und Digitalisierung.